Die Einschränkung oder Unfähigkeit, den Stuhlgang zu halten (Inkontinenz) ist ein Krankheitsbild, welches wie kaum ein zweites die Lebensqualität der betroffenen Menschen einschränkt. Inkontinenz ist häufig.
Etwa 800.000 Menschen in Deutschland sind in unterschiedlichem Schweregrad inkontinent. Inkontinenz betrifft 4 - 5 % der Erwachsenen und dabei 5 - 10 % der Menschen über 65 Jahre. Dennoch ist die Stuhlhalteschwäche ein Tabuthema. Viele Betroffene nehmen lieber eine soziale Isolation in Kauf als das Problem zu offenbaren und Möglichkeiten der Behandlung auszuloten.
Die Fähigkeit, den Stuhlgang zu halten und die Stuhlentleerung zu kontrollieren, setzt ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Organsysteme voraus.
Wesentlich sind die Funktion des Schließmuskelapparats, die Intaktheit des Beckenbodens, die korrekte Lage der Organe im Bereich des kleinen Beckens (Enddarm, Blase, Gebärmutter)sowie die geordnete Funktion des Nervensystems im Bereich der willkürlichen und unwillkürlichen Muskelfunktion sowie der sensiblen Wahrnehmung.
Störungen in diesen einzelnen Systemen oder im komplizierten Zusammenspiel der Systeme können zur Inkontinenz führen. Die Auslöser für Störungen können vielfältig sein (Verletzungen; Geburtstraumata; vorangegangene Operationen an Blase, Enddarm, Gebärmutter, Wirbelsäule, Hämorrhoiden; entzündliche Enddarmerkrankungen; Stoffwechselerkrankungen; Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie der peripheren Nerven u.v.a.).
Eine Stuhlhalteschwäche sollte frühzeitig behandelt werden, da bei längerem Bestehen häufig eine Verschlechterung droht.
Die richtige Behandlung setzt aufgrund der komplizierten Funktion des Stuhlhalte-
apparates häufig weitreichende Untersuchungen voraus, die alle beteiligten Organsysteme umfassen können (Darm, Schließmuskelapparat, Organe des kleinen Beckens - besonders bei Frauen, Nervensystem).
Ist eine Diagnose gestellt, reicht das Spektrum der Behandlung von Maßnahmen des Trainings (Beckenbodengymnastik, Sphinctertraining, Bio-Feedback-Verfahren) über Maßnahmen der Stuhlregulierung und Umstellung der Ernährung bis zu einer Vielzahl operativer Verfahren zur Korrektur anatomischer Veränderungen und zur Wiederherstellung des Schließmuskelapparats.
Bei der Unmöglichkeit einer Korrektur ermöglichen neuste Verfahren auch den Versuch einer Wiederherstellung oder zumindest einer Verbesserung der Stuhlhaltefunktion durch das Einpflanzen (Implantation) eines künstlichen Schließmuskelersatzes (sogenanntes Analband). Hiermit kann den betroffenen Menschen eine Aussicht auf Verbesserung der Lebensqualität gegeben werden.
Es soll hier auch erwähnt werden, dass beim Versagen aller Verfahren auch die Anlage eines künstlichen Darmausgangs (Stoma) als Alternative bleibt, die anders als häufig dargestellt dem inkontinenten Menschen zu einer deutlich besseren Versorgbarkeit verhilft und eine Rückkehr in das normale soziale Umfeld ermöglicht.
Alle Fachabteilungen, in deren Gebiet die Diagnostik und Therapie der Inkontinenz fällt, sind an den Hochtaunus-Kliniken vertreten (Chirurgie, Gastroenterologie Gynäkologie, Neurologie, Radiologie, Urologie, Physiotherapie, Ernährungsberatung) und so können wir ein breites Untersuchungs- und Behandlungsspektrum anbieten, um eine sichere Diagnose zu stellen und die Therapie stadiengerecht zu planen.
Wesentlich ist bei der Diagnostik und Behandlung, dass alle Maßnahmen in enger Absprache erfolgen, um ein maßgeschneidertes Konzept der Behandlung für den einzelnen Patienten sicherzustellen.
Auch wenn viele Patienten ihre Hoffnung auf operative Verfahren zur Verbesserung der Stuhlhaltefunktion setzen, muss darauf hingewiesen werden, dass vielfach 'funktionelle' Störungen, das heißt Störungen ohne nachweisbare organische Veränderungen, eine Inkontinenz auslösen oder verstärken können.
Die Störungen müssen zunächst ausgeschlossen bzw. konsequent behandelt werden. Erst wenn diese Verfahren nicht zu einer Verbesserung führen oder wenn die Untersuchungen eine ausschließlich operativ zu behandelnde Veränderung ergeben, sind chirurgische Verfahren angezeigt.
Einem gewissen Teil von inkontinenten Patienten kann durch die oben angeführten Verfahren nicht oder nicht ausreichend geholfen werden. Die Anlage eines künstlichen Darmausgangs zur Ableitung des Stuhlgangs in einen Beutel auf der Bauchdecke war hier lange die letzte und selten geschätzte Alternative.
Neue Entwicklungen mit Ersatz des Schließmuskels durch einen eingepflanzten (implantierten) künstlichen Verschluss-
apparat ('Analband'), der durch den Patienten gesteuert werden kann, entwickeln sich hier zu einer Alternative.
Auch wenn dieses Verfahren noch sehr neu ist, möchten wir es hier etablieren, um den betroffenen Patienten, die neben dem bleibenden künstlichen Darmausgang eine Alternative suchen, helfen zu können.