Bei gleichbleibender Altersentwicklung in Deutschland steigt der Anteil der über 60-Jährigen von ca. 21 % im Jahr 1996 auf
36 % im Jahr 2030, ca. 50 % der über 65-jährigen Bürger müssen sich in ihrem verbleibenden Leben einer Operation unterziehen. Zu den häufigsten Operationen in diesem Lebensabschnitt zählen Augen-, Leistenhernien-, Gallenblasen- und Hüft- sowie Blasen- und Prostataoperationen.
Unabhängig vom tatsächlichen Alter ist das biologische Alter jedes Menschen durch das Absterben organspezifischer Zellen und deren Ersatz durch minderwertiges Gewebe gekennzeichnet. Betroffen von derartigen Organveränderungen sind insbesondere das Herz, die Lunge sowie das zentrale Nervensystem.
Zu den altersspezifischen biologischen Veränderungen des älteren Patienten kommen häufig belastende Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Herzschwäche, Blutzucker- oder Fettstoffwechselstörungen hinzu. Nur bei ca.
2 % aller Patienten über 85 Jahren bestehen keine Vorerkrankungen.
Die Narkose beim älteren Patienten muss deshalb die zur aktuellen Operation führende Erkrankung, Begleiterkrankungen sowie die altersbedingten biologischen Veränderungen berücksichtigen.
Während der präoperativen Narkosevisite (Prämedikation) wird ein besonderes Augenmerk auf mögliche Erkrankungen des Herzens gelegt.
Hierzu zählen Analyse des EKGs und der vorhandenen Röntgenaufnahmen des Brustkorbs sowie die klinische Gesamtsituation des Patienten. Ggf. werden weitergehende kardiologische Untersuchungen angeregt (z. B. Ultraschalluntersuchung des Herzens).
Gezielte Laboruntersuchungen können Störungen der Blutbildung, des Stoffwechsels bzw. der Nierenfunktion sowie medikamentenbedingte Veränderungen im Körper aufdecken. Die während der präoperativen Narkosevisite gewonnenen Erkenntnisse können im Bedarfsfall zu einer Optimierung der bisherigen medikamentösen Therapie führen und hierdurch den aktuellen Zustand des Patienten entscheidend verbessern.
Eine spezielle intraoperative Überwachung muss die bestehenden alters- bzw. krankheitsspezifischen Veränderungen berücksichtigen. Hierzu zählen z. B. die Erweiterung der Standardüberwachung durch intraoperative Überwachung möglicher EKG-Veränderungen, die direkte arterielle Blutdruckmessung sowie die Bestimmung des zentralvenösen Drucks mittels spezieller Kathetersysteme.
Während der intraoperativen Narkoseführung müssen die alterspezifischen Besonderheiten bei der gewichtsbezogenen Dosierung der eingesetzten Medikamente berücksichtigt werden. Dies führt insgesamt zu einer unterschiedlich ausgeprägten Dosisreduktion der eingesetzten Narkose- und Schmerzmittel.
Bei der Auswahl möglicher Narkoseverfahren werden, soweit operationstechnisch möglich, Regionalanästhesien (Teilnarkosen) bevorzugt.
Wird eine Allgemeinanästhesie vom Patienten gewünscht bzw. ist dieses Verfahren operationstechnisch notwendig kann diese Technik idealerweise mit einer rückenmarksnahen Leitungsanästhesie (Peri-/Epiduralkathetertechnik) kombiniert werden.
Dem veränderten Wärmehaushalt des älteren Patienten wird durch eine intraoperative Wärmezufuhr mittels Wärmematten bzw. warmer Luft Rechnung getragen.
Auf Grund der verminderten Organfunktionsreserven älterer Patienten erfolgt häufig die postoperative Überwachung und Betreuung auf einer Intensivtherapiestation.
Eingeschränkte kardiale Belastbarkeit, grenzwertig kompensierte Nierenfunktionsstörungen sowie pulmonale Vorerkrankungen können durch eine engmaschige postoperative Überwachung auf der anästhesiologisch geleiteten Intensivtherapiestation frühzeitig erkannt und erfolgreich behandelt werden.
Ebenso ist eine engmaschige postoperative Schmerztherapie mittels systemischer Schmerzmittelgabe bzw. rückenmarksnaher Kathetertechnik (Peri-/Epiduralkatheter) in diesem anästhesiologischen Versorgungsbereich möglich.
Zusammenfassend kommt der Identifizierung und Beurteilung des Schweregrades vorbestehender Erkrankungen bzw. biologischer Organfunktionsstörungen durch unsere Narkoseabteilung insbesondere beim älteren Patienten eine besondere Bedeutung zu.
Nach entsprechender präoperativer Zustandsverbesserung werden in der nachfolgenden perioperativen Phase altersangepasste schonende Narkoseverfahren bzw. -techniken eingesetzt sowie der Patient individuell bedarfsangepasst überwacht. Die Betreuung durch die Narkoseabteilung wird auch in der frühen postoperativen Phase auf der Intensivtherapiestation fortgesetzt.