Unser Expertengespräch zum „Tag der Hand“
Sehr geehrte Patientinnen, sehr geehrte Patienten,
in Ergänzung zu unseren beliebten Klinikforen möchten wir Ihnen mit unserem „Expertengespräch“ zusätzliche Informationen für Ihre Gesundheit bieten.
In loser Reihenfolge beantworten unsere Chefärzte, Chefärztinnen und Sektionsleitungen hier auf unserer Website medizinische Fragen zu ihrem jeweiligen Fachgebiet.
Heute sprechen wir mit Dr. Julia Sebald, Chefärztin der Klinik für Handchirurgie an den Hochtaunus-Kliniken in Usingen. Als erfahrene Fachärztin für Chirurgie und Unfallchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Handchirurgie verfügt sie über umfassende Expertise in der Behandlung komplexer Handerkrankungen und trägt maßgeblich zur Reputation des Standorts Usingen in diesem spezialisierten Bereich bei.

Redaktion: Am 1. März wird der Tag der Hand begangen. 2026 legt die Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie den Schwerpunkt auf die Dupuytren’sche Erkrankung – eine häufige Erkrankungen der Hand, bei der es infolge krankhafte Bindegewebsveränderungen zu einer zunehmende Beugestellung einzelner Finger kommt. Frau Dr. Sebald, was genau ist die Dupuytren’sche Erkrankung, und wie häufig tritt sie auf?
Dr. Julia Sebald: Bei der Dupuytren’schen Erkrankung kommt es zu knotigen Veränderungen in der Hohlhand, die im weiteren Verlauf eine Verkürzung der Bindegewebsstrukturen verursachen. Infolgedessen können die betroffenen Finger zunehmend nicht mehr vollständig gestreckt werden. Die Dupuytren’sche Erkrankung ist weltweit verbreitet und betrifft etwa 8 Prozent der Bevölkerung, in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen. Männer sind etwa viermal häufiger betroffen als Frauen. Typischerweise tritt die Erkrankung ab dem 50. Lebensjahr auf; bei Männern über 75 Jahren ist etwa jeder vierte betroffen.
Redaktion: Was sind typische Anzeichen?
Dr. Julia Sebald: Erste Hinweise auf die Erkrankung sind kleine Knoten oder tastbare Verhärtungen in der Hohlhand. Im weiteren Verlauf entstehen strangartige Veränderungen der Haut, die schließlich zu einer zunehmenden Beugefehlstellung der Finger führen können.
Redaktion: Ist die Erkrankung vererbbar, und wie hoch ist das Risiko, dass Familienmitglieder ebenfalls betroffen sind?
Dr. Julia Sebald: Die Dupuytren’sche Erkrankung hat eine ausgeprägte genetische Komponente und wird häufig familiär vererbt. Innerhalb von Familien zeigen sich oft ähnliche Erkrankungsmuster über mehrere Generationen hinweg.
Redaktion: Kann man der Dupuytren’schen Erkrankung vorbeugen?
Dr. Julia Sebald: Nach dem aktuellen medizinischen Kenntnisstand gibt es weder präventive Übungen noch spezifische Ernährungsmaßnahmen, die das Auftreten der Erkrankung verhindern können.
Redaktion: Wann sollte ärztlicher Rat eingeholt werden?
Dr. Julia Sebald: Bei neu auftretenden Knoten oder Verhärtungen in der Hand sollte frühzeitig eine hausärztliche oder handchirurgische Abklärung erfolgen – besonders bei familiärer Vorbelastung. Eine frühzeitige Diagnosestellung ermöglicht schonende Behandlungsoptionen, noch bevor Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen auftreten.
Redaktion: Welche minimal-invasiven Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Dr. Julia Sebald: Im frühen Stadium der Erkrankung kann eine Strahlentherapie den Fortschritt verlangsamen oder stabilisieren. Eine weitere minimal-invasive Option ist die Nadelfasziotomie. Dabei werden die verkürzten Bindegewebsstränge mit einer feinen Nadel durchtrennt, wodurch sich die Fingerstreckung verbessern lässt.
Redaktion: Wie wird eine fortgeschrittene Dupuytren’sche Erkrankung behandelt?
Dr. Julia Sebald: Bei ausgeprägter Fingerbeugung ist in der Regel ein operativer Eingriff erforderlich. Dabei werden die betroffenen Gewebsanteile entfernt (Fasziektomie). In Einzelfällen kann bei wiederkehrender Erkrankung zusätzlich eine Hauttransplantation notwendig sein.
Redaktion: Wie läuft die Nachbehandlung?
Dr. Julia Sebald: Nach der Operation ist zunächst für 3 Wochen das kontinuierliche Tragen einer thermoplastischen Handschiene erforderlich, danach für weitere 3 Monate nur noch nachts. Eine strukturelle handtherapeutische Nachbehandlung durch Handergotherapie unterstützt die Wiederherstellung von Beweglichkeit, Kraft und Koordination. Der vollständige Heilungsprozess dauert in der Regel etwa 6 Monate.
Redaktion: Lässt sich ein Wiederauftreten der Erkrankung verhindern?
Dr. Julia Sebald: Ein erneutes Auftreten der Erkrankung lässt sich leider nicht verhindern. Daher gilt in der Handchirurgie der Grundsatz, einen operativen Eingriff möglichst spät und erst bei funktionellen Einschränkungen durchzuführen. Studien zeigen, dass bei etwa 43 Prozent der Patienten innerhalb von 5 Jahren erneut Knotenbildung auftreten kann; nach 18 Jahren sind bis zu 60 Prozent betroffen.
Redaktion: Frau Dr. Sebald, wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch.
Das Interview führte Britta Stehr.