Unser Expertengespräch zum Thema „Lungenhochdruck“
Sehr geehrte Patientinnen, sehr geehrte Patienten,
in Ergänzung zu unseren beliebten Klinikforen möchten wir Ihnen mit unserem „Expertengespräch“ zusätzliche Informationen für Ihre Gesundheit bieten.
In loser Reihenfolge beantworten unsere Chefärzte, Chefärztinnen und Sektionsleitungen hier auf unserer Website medizinische Fragen zu ihrem jeweiligen Fachgebiet.
Heute sprechen wir mit Prof. Dr. Dr. med. Henning Gall, Chefarzt der Pneumologie an den Hochtaunus-Kliniken. Er hat über 20 Jahre Erfahrung im Bereich Lungenhochdruck, dem „Bluthochdruck der Lunge“. Das ist für ihn ein Herzensthema, und er setzt sich intensiv für die frühzeitige Diagnose und individuell abgestimmte Therapien ein, um den Betroffenen zu helfen, ihre Lebensqualität zu verbessern.

Redaktion: Herr Prof. Gall, können Sie uns kurz und verständlich erklären, was Lungenhochdruck genau ist?
Prof. Henning Gall: Pulmonale Hypertonie ist definiert über eine Druckerhöhung in den Lungenarterien. In der Folge kann es zur Belastung der rechten Herzseite und sogenanntem Rechtsherzversagen kommen. Die Ursachen der pulmonalen Druckerhöhung sind vielfältig. Sie reichen von Herzkrankheiten und Lungenkrankheiten über Lungenembolien bis hin zu selteneren Ursachen wie Kollagenosen oder Leberkrankheiten. Manchmal gibt es keine andere auslösende Erkrankung und dann spricht man von idiopathischer pulmonal-arterieller Hypertonie (IPAH).
Redaktion: Sie beschäftigen sich nun seit über 20 Jahren mit dem Thema. Wie kam es dazu – was hat Ihre dauerhafte Faszination geweckt?
Prof. Henning Gall: Es sind die Patientinnen und Patienten. Sie sind es, die mich immer wieder motivieren, mich mit dem Thema pulmonale Hypertonie zu beschäftigen. Außerdem war es das Team und das Umfeld an der Uniklinik Gießen, was mich sehr motiviert hat. An den Hochtaunus-Kliniken habe ich das Glück, die Freiräume zu bekommen, um mich weiter mit dem Thema beschäftigen zu können.
Redaktion: Was genau passiert bei Lungenhochdruck im Körper?
Prof. Henning Gall: Die Folgen für den Körper sind im Wesentlichen durch die eingeschränkte Herzleistung und den Sauerstoffmangel bedingt. Andere Organe werden in Mitleidenschaft gezogen.
Redaktion: Was genau ist unter dem kleinen und großen Kreislauf zu verstehen, und wie arbeiten diese beiden Kreislaufsysteme im Körper zusammen?
Prof. Henning Gall: Aus dem Bio-Unterricht in der Schule wissen manche vielleicht, dass es zwei Kreislaufsysteme im menschlichen Körper gibt. Der kleine Kreislauf pumpt das Blut von der rechten Herzkammer in die Lunge, nimmt es von dort wieder auf und führt es dem linken Herzen zu. Der große Kreislauf beginnt in der linken Herzkammer, führt das Blut von dort in den Körper und sammelt es anschließend wieder ein, um es dem rechten Herzen zur Weiterverarbeitung zur Verfügung zu stellen. In der Lunge wird das im Körper gesammelte CO2 abgegeben und das Blut mit frischem Sauerstoff aus der Lunge versorgt. An jeder Stelle dieses Kreislaufs kann es zu Problemen kommen.
Redaktion: Wie erkenne ich, ob ich Lungenhochdruck habe? Wann sollte ich einen langjährigen Spezialisten wie Sie aufsuchen? Welche Symptome führen dazu, dass Patienten und Ärzte diese Erkrankung manchmal übersehen oder falsch diagnostizieren?
Prof. Henning Gall: Leider sind die Symptome des Lungenhochdrucks anfangs sehr unspezifisch. Symptome wie Wassereinlagerung in den Beinen können viele Ursachen haben. Auch ein Leistungsknick oder eine Kurzatmigkeit sollten erst mal breit abgeklärt werden. Wenn man aber die häufigen Ursachen für die genannten Symptome ausgeschlossen hat, dann sollte eine Herzultraschalluntersuchung erfolgen mit der Fragestellung, ob es sich um einen Lungenhochdruck handeln könnte. Einen einfachen Bluttest gibt es aktuell leider nicht.
Redaktion: Könnten Sie uns einen besonders eindrucksvollen Fall schildern, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Prof. Henning Gall: Im Laufe der Jahre habe ich viele Patientinnen und Patienten mit pulmonaler Hypertonie kennengelernt, mir sind viele davon in Erinnerung geblieben. Ich kann hier das Beispiel einer jungen Sportlehrerin anführen, bei der nach der Geburt ihres ersten Kindes typische Symptome einer pulmonalen Hypertonie auftraten: Leistungsknick, Kurzatmigkeit und Wassereinlagerungen. Diese Symptome lassen sich auch durch die kürzlich abgeschlossene Schwangerschaft oder die kurzen Nächte aufgrund des Neugeborenen erklären. Trotz anhaltender Symptome wurde die Möglichkeit einer pulmonalen Hypertonie nicht berücksichtigt. Als die Patientin erneut schwanger werden wollte, wurde die Erkrankung nicht ausgeschlossen, sodass sie unwissentlich mit der Krankheit Pulmonale Hypertonie erneut schwanger wurde. Dies führte dazu, dass die Patientin rund um die Geburt ihres zweiten Kindes schwer erkrankte und nur knapp gerettet werden konnte. Diese Erfahrung motiviert mich, das Bewusstsein für die Erkrankung sowohl in der Bevölkerung als auch bei Ärzten zu stärken.
Redaktion: Was sind die häufigsten Ursachen für Lungenhochdruck?
Prof. Henning Gall: 70 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Lungenhochdruck leiden an dieser Erkrankung aufgrund von Linksherzerkrankungen. Dazu zählen eine Herzsteifigkeit (früher als diastolische Dysfunktion bezeichnet, heute als HFpEF – Heart Failure with preserved Ejection Fraction), Herzklappenprobleme oder andere Ursachen. An zweiter Stelle stehen Lungenerkrankung wie COPD (Raucherlunge) und Lungenfibrose. Bis zu 70 Prozent der Patienten mit Lungenfibrose entwickeln im Laufe der Erkrankung eine pulmonale Hypertonie. Etwa 2 bis 4 Prozent der Patienten, die eine Lungenembolie erlitten haben, entwickeln ebenfalls eine pulmonale Hypertonie. Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene, die drei bis sechs Monate nach einer Lungenembolie weiterhin unter Kurzatmigkeit leiden, sich in einer Spezialambulanz für Pulmonale Hypertonie vorzustellen.
Redaktion: Kann Lungenhochdruck geheilt werden?
Prof. Henning Gall: Ja, je nachdem, was die Ursache oder der Auslöser ist, kann Lungenhochdruck auch geheilt werden.
Redaktion: Wie wird Lungenhochdruck behandelt? Gibt es besondere Medikamente, chirurgische Behandlungen?
Prof. Henning Gall: Vor der Behandlung des Lungenhochdrucks muss eine sichere Diagnose gestellt werden. Dazu sollte sich der Patient in einer Spezialambulanz vorstellen und möglicherweise eine „Rechtsherzkatheteruntersuchung“ durchführen lassen. Wird dabei pulmonale Hypertonie diagnostiziert, folgt im nächsten Schritt die Klärung der Ursache. Zunächst wird die Ursache des Lungenhochdrucks geklärt. Je nach Ursache gibt es unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten. Bei Lungenembolien werden verbleibende Verschlüsse in den Lungenarterien entweder mit einem Katheter oder operativ behandelt. Für Lungenhochdruck gibt es verschiedene Medikamente. In einigen Fällen ist eine medikamentöse Behandlung jedoch nicht ratsam, da sie dem Patienten mehr schaden als nutzen könnte. Die Entscheidung gehört daher in Spezialistenhände.
Redaktion: Welche Rolle spielt der Lebensstil in der Behandlung von Lungenhochdruck?
Prof. Henning Gall: Ein gesunder Lebensstil, einschließlich einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßigem, angepasstem Training, kann die Behandlung von Lungenhochdruck positiv unterstützen.
Redaktion: Was sind die neuesten Entwicklungen in der Behandlung von Lungenhochdruck?
Prof. Henning Gall: Es kommen regelmäßig neue Substanzen zur Behandlung der pulmonalen Hypertonie aus der Grundlagenforschung in die klinische Forschung. Auch die Konzepte in der Therapie und Diagnostik werden ständig weiterentwickelt. In den letzten 20 Jahren durfte ich diese Entwicklungen begleiten und mitgestalten. Gerne erzähle ich Ihnen bei einem Vortragsabend mehr über die neuesten Fortschritte.
Redaktion: Herr Prof. Gall, wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch.
Das Interview führte Britta Stehr.